Kritiken

Anatomie der Textkörper

Selten wurde so virtuos über Leber, Herz und Eierstöcke geschrieben wie in Dana Ranga aktuellem Lyrikband „Hauthaus“. Während Wissenschafter als „Diebe der Intimität“ den Körper sezieren und das Innere nach außen befördern, suchen die Gedichte der 1964 in Bukarest geborenen Autorin gerade wieder den Geheimnissen der Anatomie Geltung zu verschaffen. Im Rücken treffen wir auf den „Spielverderber-Nerv“, in der Lunge auf „ein Segel / im Wirbelkanal“. Und bei allen Organen gilt das Credo: „Struktur unterstützt Funktion“. Was Ranga luzider Sprachartistik gelingt, ist weniger eine lyrische Analyse der Physiognomie als des Poetischen selbst. Der Körper wird zum Textkörper und umgekehrt. „Wer näht die Glieder wieder zusammen / welcher Satz passt zum anderen“ – solcherlei Fragen zeugen von der intelligenten Pointe, dass Sprache letztendlich nichts anderes als immer im Werden befindlicher Organismus ist: fragil, undurchdringbar und ein großes Rätsel der Natur.

(Björn Hayer, „Berliner Zeitung“, Lyrik)

Die neuen Schöpfer

…Was die gegenwärtige Lyrik verdeutlicht, ist die Ankunft der Melancholie im Alltag, einer Verstimmung, die alle betreffen kann, aber nicht in den Abgrund führen muss. Die Gedichte analysieren das Biotop, in dem sie wachsen, ohne jedoch an Stelle und Ort zu bleiben. Ihre Sprachbewegungen schlagen Brücken und vereinen – in teils verwandtschaftlicher Nähe zu den Werken Rainer Maria Rilkes, Stefan Georges oder Hermann Hesses – vormals noch Fremdes zu einem gemeinsamen Resonanzraum. Sie stellen die Melancholie als Ausgangspunkt neuer Utopien heraus. Mehr noch: Sie sprengen sämtliche Grenzen und dringen gar in der Lyrik in eher unbekannte Gebiete vor. Forschen Naturwissenschaftler, welche Dana Ranga in ihrem aktuellen Band „Hauthaus“ „als Diebe der Intimität“ geißelt, den Körper primär als Objekt aus, lässt die 1964 in Bukarest geborene Autorin ihm seine ureigensten Geheimnisse. Ihre graziösen Annäherungen erzählen von eigendynamischen Organen, die erst in ihrer Vielstimmigkeit ein vitales Konzert ergeben: Man trifft auf den „Spielverderber-Nerv“, auf die Lunge als „einem Segel /   im Wirbelkanal“, auf Leber, Magen und Eierstöcke. Der Körper geriert dabei zum Textkörper und umgekehrt. „Wer näht die Glieder wieder zusammen / welcher Satz passt zum anderen“, fragt sich ein lyrisches Ich, dem unlängst klar geworden ist: Im Gedicht gibt es kein Außerhalb der Sprache mehr. Körper, Natur, Geist – die Poesien der Gegenwart heben Entfremdungen auf. Die Wirklichkeit ist nur ein Zustand von vielen.

(Björn Hayer, „Büchermagazin“) 

„Werde furchtlos…“

Klare Zuschreibungen, überschaubare Ordnung sind Dana Ranga fremd. Schon in ihrem leuchtenden „Wasserbuch“ (2011), einer Sammlung ozeanischer Gedichte, tastete sie den Sprachbewegungen und Verschiebungen im Gefüge des Denkens nach: „Atmen und singen in stiller Bucht. Wasser kennt keine Narben; Druckwelle, Abschied, / akzentfreie Entfernung // zwischen dir und mir“, heißt es hier in einem Stück zu Carcharodon carcharias, dem Weißer Hai. Und über Octopus vulgaris , die gemeine Krake: „Werde furchtlos und lebe versteckt, hier bleibt nichts zu entdecken.“ Zu entdecken aber gibt es bei Dana Ranga viel, man muss nur ihren Verknüpfungen folgen und dabei spüren, wie frei sich das Denken manchmal bewegen kann. 

(Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung, Literatur)

„Güte, Güter und Fischgründe“

Was liegt näher als vom Weltraum in die Unterwasserwelt abzutauchen? Die Atem- wie die Bewegungsverhältnisse scheinen in diesen Reichen verwandt zu sein, der Ozean in seiner Unendlichkeit ein terrestrischer Spiegel des Alls. Rangas schillernd hermetische Fisch-Gedichte sind wiederum ein zerbrochener Spiegel irdischer und unirdischer Güter, als wäre die ganze Welt umgekippt ins Wasser gefallen und glitte wie in einem Ozeanum stückchenweise am Fisch-Betrachter vorbei. „Es ist Zeit für Augenwischerei und Trost. Verstrahlt, die Liebe; zersetzt, die Güte. Nun? / Zieht die Unterschrift nach. Ein neues Gefühl, es gibt nichts zu verbergen“ echot der Astronotus ocellatus. Ein Buch für meditative Taucher und Korallenreparateure. 

(Astrid Kaminski, „Berliner Zeitung“, Bücher-Lyrik und „Frankfurter Rundschau“, Feuilleton) 

„Schreiben ist wie Atmen“

Mit ihrem Lyrikband „Wasserbuch“ tauchte die Poetin in die fabelhafte Welt lateinischer Namen von Hippocampus erectus (Seepferdchen) oder Octopus vulgaris (Gemeine Krake) ein… Die Kunst sei ein Umweg gewesen, ein schöner langer, intensiver, ereignisreicher… Es sei Nach-Hause-Kommen, das keiner Schreibmaxime bedürfe. „Es ist für mich wie Atmen, ein zusätzlicher Sinn, etwas Selbstverständliches.“ 

(Julia Schafferhofer, „Kleine Zeitung“, Kultur)

„Das All in Graz“

In ihrem Gedichtband „Wasserbuch“ versetzt sie sich dagegen in Meeresbewohner hinein und inszeniert Begegnungen zwischen Fischen und Menschen… „Literatur ist eine Welt für sich, da bin ich im All der Kunst und brauche meinen Astronautenanzug, um die Koordinaten zu bestimmen“. 

(Sonja Radkohl, „Kronen Zeitung“, Kultur)

lyrikkritik.de

Elektromagnetische Wellen, Botenstoffe, Alarm, Tod, Altar, Gebet, Reim, nicht schlecht, was hier alles verhandelt wird. Höhen und Tiefen, Elemente und Elementares. Da liegt ein Engel auf der Lauer, inbrünstig und stößt nur ab und zu einen Seufzer hervor. Du darfst spekulieren, er hat das zum Fressen gern. 

(Hendrik Jackson, „critiquetriebe – Gedicht & Diskussion“)