Dana Ranga
Hauthaus

Stationen einer Reise in die Tiefe der Ozeane sind die Gedichte in Dana Rangas Debüt Wasserbuch. Auch in ihrem zweiten Band, Hauthaus, geht es um verborgene Landschaften – doch sind es dieses Mal nicht subaquatische, sondern subkutane: Das Herz, die Schilddrüse, die Leber oder der Magen sind die Protagonisten dieses Buches, sie werden befragt und untersucht, und doch unterscheidet sich Dana Rangas Blick von dem der Mediziner, fehlt jenen trotz Messer und Mikroskop doch der Sinn für die Bedeutung des Belebten: »sie zeichnen auf / sie knacken Zell-Codes / erfahrene Hacker der Lust / Diebe der Intimität / sie suchen das Leben mit dem Skalpell und triumphieren / bei jedem Examen / und doch wissen sie nichts über sich / über Schönheit und Liebe«. Dieses Nicht-Wissen, also das Sichtbare, zu ergänzen um das Unsichtbare und damit dem Rätsel vom Wesen der Schönheit und Liebe auf die Spur zu kommen, unternimmt Dana Ranga in diesem Buch – in Texten voller Muskelstränge und Nervenbahnen, voller Melancholie und Musikalität.

Herz Hauthaus Dana Ranga

Ein Gedicht aus dem Buch.

Eierstöcke

Neun betende Systeme
schicken eine kodierte Botschaft
der Tag geht zu Ende
Geldrolle aus neun Münzen
nur der Darm macht nicht mit
Segment für Segment
Teil für Teil
Nachteil oder nur nacheinander
Herr Merkel sagte
wie die Münzen einer Geldrolle
neun Metamere
zwei Pole und eine Achse
links spiegelt rechts
(hätte ich eine Wurzel
dann hätte ich auch einen Spross)
und das All spiegelt die Erde
ich bin kein Seestern
mit radiärer Symetrie
Stückwerk bin ich
Segment für Segment
gleiche Funktion bei ungleicher Abstammung
(nur ein kleines Würmchen
wer kannte es Embryo?)
groß ist das Nichts
und klein das All-in-allem
es tendiert gegen null
anaxial, anational
stiehlt der Ewigkeit die Schau
mit Anomalien
los, schließt die überflüssigen Öffnungen
in der Vorhofwand
Rot und Blau sollen nicht kommunizieren
wo kämen wir sonst hin
wenn sich alles vermischte
Aderblut und Venenblut
Grenzen und Pole müssen weiter bestehen
sonst laufen die Betenden auseinander
sonst verderben die Antimere
sonst reißen sie Gürtel an Becken und Schulter
und das Gesicht verliert sich
im Fluss der Zeit

Erschienen: 08.02.2016; Suhrkamp Verlag
Klappenbroschur, 63 Seiten
ISBN: 978-3-518-42523-7